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Loverboys - Bericht aus der Praxis

von Ella Friesen

Ella Friesen (Psyeudonym) arbeitet als Streetworkerin seit über 10 Jahren mit Menschen in der Sexarbeit und möchte aufgrund ihres sensiblen Arbeitsfeldes anonym bleiben.

„All you need is love“ so erklang es vor vielen Jahren schon von den Beatles und lässt unsere inneren Herzenssaiten schwingen. Die Sehnsucht nach Liebe ist das tiefste Bedürfnis in uns Menschen. Und genau dieses Bedürfnis wird von den sogenannten Loverboys skrupellos ausgenutzt. Häufig sind es junge Männer, die sich ihre Opfer, junge Mädchen zwischen 12 und 16 Jahren, gezielt aussuchen.

Diese Mädchen sind hungrig nach Aufmerksamkeit und manchmal schon sehr verletzt durch mangelnde Zuwendung im Elternhaus. Es kann auch sein, dass  die Mädchen in einer Lebenskrise stecken, zum Beispiel durch die Scheidung der Eltern oder Schulprobleme und unten einem schwachen Selbstwertgefühl leiden. Über Facebook, vor der Schule, in der Disko lernen sie ihn dann kennen. Er ist ein paar Jahre älter, schaut gut aus und interessiert sich für sie.


© stoploverboys.nu

Der Loverboy lässt sich viel Zeit, um das Vertrauen des jungen Mädchens zu gewinnen. Am Anfang überschüttet er sie mit Geschenken, Komplimenten, anerkennenden Worten und erste Treffen werden arrangiert. Auch mit seinem meist großen Auto imponiert er ihr. Möglicherweise ist er ihr erster sexueller Kontakt. Langsam und schrittweise isoliert er sie von ihren bisherigen Freunden und der Familie. „Er ist ihre große Liebe, niemand versteht sie so gut.“ Das Mädchen wird immer abhängiger von ihm, emotional, sozial und auch körperlich. Sie ist bereit alles für ihn zu tun, manchmal kommen auch Drogen ins Spiel. Der Bruch kommt allmählich, kann aber auch gewaltsam und brutal passieren.

In dem Buch „Transforming Trauma“ von Anna C. Salter wird ein Zuhälter gefragt, nach welchen Kriterien er sich „seine Frauen“ aussucht. Hier die deutliche Antwort: „Das allerwichtigste ist Gehorsam. Und wie bekommt man den? Du bekommst Gehorsam, wenn du Frauen bekommst, die Sex mit ihren Vätern, Onkeln und Brüdern hatten, - weißt du, mit jemanden, den sie lieben und wo sie Angst haben, ihn zu verlieren, sodass sie sich nicht trauen, sich zu widersetzen. Dann bist du einfach ein bisschen netter zu den Frauen als sie es waren und auch gefährlicher. Sie werden alles tun, um dich glücklich zu machen“ (Salter, 1995: 187).


Nachdem der Loverboy das Vertrauen des Mädchens gewonnen hat, erzählt er ihr von seinen Sorgen, beispielsweise dass er jemandem Geld schuldet. Wenn sie allerdings bereit wäre, mit dem Gläubiger zu schlafen, wäre die Schuld beglichen. Bei diesem „einen Mal“ wird sie möglicherweise gefilmt und anschließend kann dieser Clip dazu benutzt werden, um sie zu erpressen und unter Druck zu setzen. Aber es gibt noch brutalere Szenarien der Gewaltanwendung. Nicht selten werden die Mädchen von den Loverboys und/oder ihren Freunden vergewaltigt, erniedrigt und bloßgestellt. In den Niederlanden, England und Deutschland gibt es seit einigen Jahren Elterninitiativen, die versuchen,  ihre Töchter aus diesem Ausbeutungsverhältnis zu befreien.


© girlscene.nl

Allerdings ist der Ausstieg für viele Opfer sehr schwer. Einige von ihnen leben eine Zeitlang ein Doppelleben, gehen noch zur Schule und verhalten sich zuhause weitgehend angepasst. Nur durch genaue Beobachtung können StreetworkerInnen, Eltern oder FreundInnen bestimmte Merkmale der Zwangsprostitution erkennen. Beispielsweise kommt es immer wieder vor, dass Gespräche von Zwangsprostituierten mit StreetworkerInnen durch Anrufe der Loverboys unterbrochen werden. Ein anderes Indiz ist, wenn das Mädchen mit ihrem „Freund“ oder mehreren Männern zusammenwohnt und er bzw. die anderen Männer nicht arbeiten. In manchen Fällen sind auch Zeichen physischer Gewalt erkennbar. Andere Mädchen verschwinden einfach oder gehen mit dem vermeintlichen Freund ins Ausland.

Neben den psychosozialen Gründen, die ein junges Mädchen verwundbar machen für die Anwerbung durch einen Loverboy, dürfen die ökonomischen Ursachen nicht unberücksichtigt bleiben. In den meisten osteuropäischen Ländern und sogenannten Entwicklungsländern herrscht hohe Arbeitslosigkeit und es gibt kaum Ausbildungsmöglichkeiten für junge Menschen. Die vorherrschende Perspektivlosigkeit macht hellhörig für interessant klingende Jobversprechungen im Ausland. Manche der jungen Frauen, die Tag und Nacht in der Prostitution tätig sind, arbeiten für die gemeinsame Zukunft im Heimatland oder das gemeinsame Haus.

Wenn eine junge Frau aussteigen oder zurück zur Familie will, wird häufig Druck ausgeübt, indem das eigene Leben oder das der Familie zuhause bedroht wird. Hin und wieder bekommt sie von „ihrem Freund“ kostbare Geschenke, Goldschmuck, um sie bei Laune zu halten und ihr Vertrauen nicht ganz zu verlieren. Ein großes Hindernis zum Ausstieg aus der Zwangsprostitution ist die „innere Stimme der Scham“, die der jungen Frau einredet, „dass sie doch selber schuld sei an ihrem Dilemma, dass sie dieses Leben vielleicht sogar verdient habe“. Nicht selten wird diese Haltung von Missbrauchserfahrungen in der Kindheit genährt.

Um sich aus dem Abhängigkeitsverhältnis zu lösen, ist es für die jungen Frauen wichtig, eine Perspektive zu haben. StreetworkerInnen und SozialarbeiterInnen bauen schrittweise eine Vertrauensbeziehung auf. Vorrangig ist, die Frau nicht als Opfer zu sehen, sondern sie zu „empowern“ und ihr zu zeigen, dass sie neue Schritte setzen kann. Organisationen und Beratungsstellen sollten ein gutes Netzwerk, auch mit Organisationen im Herkunftsland, aufbauen. In den letzten Jahren wurden in diesen Ländern verstärkt Opferschutz- und Beratungsstellen errichtet, die professionelle Hilfe und Betreuung anbieten (16. Dezember 2013).

Referenzen, weiterführende Literatur und Links

Malarek, V. (2003) The Natashas: The New Global Sex Trade by Victor, Toronto.

Salter, A. C. (1995) Transforming Trauma: A Guide to Understanding and Treating Adult Survivors of Child Sexual Abuse. London, New Delhi.

Der Verein NO Loverboys bietet Opfern der sogenannten Loverboymethode (Betroffene von sexualisierter Gewalt und Opfer von Menschenhandel) Hilfe an und führt Maßnahmen der Information, Prävention und aktiven Unterstützung durch.

Die Stiftung StopLoverboysNu versucht jedem/jeder zu helfen der Kontakt zu Loverboys hat oder Opfer von Loverboys gewesen ist.

Ein Loverboy Opfer erzählt ihre Geschichte.